HerAbout: Happyländer*innen in Deutschland

Tupoka Ogette ist Anti-Rassismustrainerin und hat in ihrem Buch exit Racism – rassismuskritisch denken lernen den Zustand von weißen Menschen vor einer Auseinandersetzung mit Rassismus als „Happyland“ bezeichnet (Ogette 2019: 21). Bevor eine Beschreibung von Happyland erfolgt, möchte ich auf die Problematik des Verständnisses von Rassismus in Deutschland aufmerksam machen, welches Tupoka Ogette wie folgt beschreibt:

Und da liegt das Problem: Rassismus gilt in Deutschland als individueller, bewusster Fehltritt der Anderen. Das heißt, es wird davon ausgegangen, dass Rassismus nur bei Nazis oder anderen ’schlechten‘ Menschen vorkommen kann und dass stets eine entsprechende Absicht vorhanden sein muss.

So wird die Illusion geschaffen, dass es tatsächlich rassismusfreie Räume gibt. Es ist schwer, die soziale Brille, mit der auch ich gelernt habe, die Welt zu betrachten, abzunehmen und eine andere Perspektive einzunehmen. Aber es ist nicht unmöglich.

(Ogette 2019: 16)

Eine Schwierigkeit des Erlernens von rassismuskritischem Denken liegt also darin, die Definition von Rassismus als individuelle und bewusste Entscheidung von ‚bösen‘ Menschen zu hinterfragen und Rassismus viel eher als institutionelles und strukturelles System zu verstehen. Die Auswirkungen und die Ursachen der landläufigen Wahrnehmung von Rassismus als ‚Fehltritt der Anderen‘ zeigen sich in der folgenden Beschreibung des Happylands nach Ogette:

Happyland ist eine Welt, in der Rassismus das Vergehen der Anderen ist. In Happyland wissen alle Bewohner*innen, dass Rassismus etwas Grundschlechtes ist. Etwas, das es zu verachten gilt. Rassismus ist in Happyland enorm moralisch aufgeladen. Rassismus ist NPD, Baseballschläger, Glatzen und inzwischen auch die AfD. Es ist Hoyerswerda, Hitler und der Ku-Klux-Klan. Der Begriff ist nicht ambivalent, denn rassistisch ist, wer schlecht ist.

Darüber gibt es in Happyland einen Konsens. Gelernt hat die*der Happyländ*in dies seit seiner oder ihrer* Kindheit. Immer wieder wurde es ihm oder ihr* eingebläut. Im Selbstverständnis der Happyländer und -länderinnen* hat das Wort ‚Rassismus‘ keinen Platz. […]

Hinzu kommt, dass man in Happyland davon ausgeht, dass Rassismus etwas mit Vorsatz zu tun hat. Damit man etwas rassistisch nennen kann, muss es mit Absicht gesagt oder getan worden sein. Des Rassismus bezichtigt zu werden kann also nur jemand, der oder die* vorsätzlich beschließt, dass die nun folgende Handlung oder das im Folgenden Gesagte rassistisch sein soll.

Eine Wirkung, die der Verursachende derselben nicht beabsichtigt hat, liegt entsprechend nur im Auge des Betrachters und der Verursachende trägt keinerlei Verantwortung dafür.

(Ogette 2019: 21)

Eine der Lektionen, welche ich aus Ogettes Worten lernen kann, ist die der fatalen Wirkung einer Definition von Rassismus als individuellen Akt des ‚Schlechten‘, für welchen nur Verantwortung zu tragen ist, sollte es auch wirklich absichtlich böse gemeint sein. Die Folge daraus ist nämlich die, dass die Definitionsmacht über Rassismus nicht bei dem liegt, der betroffen ist, sondern dass derjenige definiert und bestimmt, der Handelnder ist. Nun ist es nicht nur so, dass der Handelnde entscheidet, ob es rassistisch ist oder nicht, er kann sich gleichzeitig entscheiden, ob er nun Verantwortung für das Gesagte oder die Handlung übernehmen möchte oder eben nicht.

Dadurch dass das eigene Selbstverständnis nicht das eines ’schlechten‘ Menschen ist, kann gar kein Rassismus vorliegen. Das moralische Gewicht, welches der Thematik ‚Rassismus‘ in Deutschland beigemessen wird, hat somit einzig und allein die Wirkung einer ständigen Distanzierung des eigenen Selbst zu Themen rund um Rassismus. Es geht dabei um die Bestätigung eines guten Selbstbildes und die Erhaltung der eigenen Privilegien.

Auch Absicht und Wirkung bilden in Happyland keine kausale Kette und haben -wenn überhaupt- nur sehr wenig miteinander zu tun. Die*der Happyländer*in entscheidet, wann und wie das Gesagte beim Empfangenden ankommt, wie es sich anfühlt oder anzufühlen hat. ‚Ich habe es nicht so gemeint, also musst Du nicht so beleidigt tun.‘

Und da das R-Wort so schwer moralisch belastet ist und Rassismus = schlechter Mensch bedeutet, kommt es für die*den Happyländer*in auch einer schweren Beleidigung gleich, des Rassismus bezichtigt zu werden: einem Hochverrat an allem, woran die*der Happyländer*in glaubt und was sie*er gelernt hat.

Ein noch schwerer wiegendes Tabu ist in Deutschland der Antisemitismus, als Spezialform des Rassismus, dessen tödlicher Ausgang im kollektiven Gedächtnis präsent ist. Weil dies so ist, reagieren Happyländer*innen auch defensiv und wütend auf die kleinste Andeutung, dass irgendetwas in ihrem Verhalten oder ihren Äußerungen auf Rassismus hindeutet. […]

Denn einen Rassismusvorwurf zu erhalten, ist IMMER schlimmer und emotional schwerwiegender, als das, was die fragliche Situation oder der fragliche Spruch ausgelöst hat. Immer. Deshalb macht man sich in Happyland auch vielmehr Sorgen darüber, rassistisch genannt zu werden, als sich tatsächlich mit Rassismus und dessen Wirkungsweisen zu beschäftigen.

Fragt man die Bewohner*innen Happylands, wie es denn so um Rassismus steht in dieser Welt, wird er*sie mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sagen, dass das kein großes Thema mehr ist. Mehr noch, Happyländer*innen sind überzeigte Nicht-Rassisten. Nichts läge ihnen ferner, als jemanden bewusst auszugrenzen. Jedenfalls ist das nicht Teil ihres Selbstverständnisses. Sie halten sich für offen und tolerant. Das liegt daran, dass nicht nur das Wort, sondern auch die Gedanken daran aus Happyland verbannt wurden.

(Ogette 2019: 22)

Rassismus als Fehltritt ‚böser‘ Menschen zu behandeln umfasst nicht nur die Konstruktion eines Selbst, welches ‚gut‘ ist und aus der Vergangenheit von Deutschland gelernt hat, es beinhaltet auch die selbstverständliche Verurteilung von jedem, der einen des Rassismus beschuldigt. Die Diskussion um Rassismus ist somit nicht nur schlichtweg nicht möglich, es findet gleichzeitig eine Sicherstellung der Definitionsmacht über Rassismus von weißen Personen statt. Diese sogenannten Happyländer*innen verstehen sich selber als „offen und tolerant“ und genau in diesem Selbstbild liegt eine der Problematiken, welche es nur sehr schwer möglich machen, eine rassismuskritische Debatte in Deutschland zu führen.

Der Moment, in dem dieses Selbstverständis eines „offenen und toleranten“ Menschen infrage steht, ist der Moment, in dem eine ehrliche Selbstreflektion innerhalb der Thematik Rassismus stattfinden könnte, doch stattdessen wird defensiv und höchst beleidigt jegliche Infragestellung der eigenen Rolle zurückgewiesen. Da ich selber als weiße Person in einem Lernprozess bin, kann ich mich noch gut an mein erstes Verständnis von Rassismus erinnern. Es war das einer typischen ‚Happyländerin‘ und Ogette hätte mit dieser Bezeichnung nicht besser die damit verbundene Selbstherrlichkeit, Zufriedenheit und absolute Ignoranz beschreiben können. Ich habe Nachrichten über Pegida Versammlungen in Dresden verfolgt, welche für mich der Inbegriff von Rassismus waren und ich war wütend über diesen Hass und diese Ignoranz. Hass, Ignoranz und mangelndes Wissen waren für mich dabei die Gründe von Rassismus. Ich selber habe mich demnach nie als Teil des Rassismus-Systems gesehen, viel eher nahm ich eine distanzierte Rolle der ‚offenen und toleranten‘ Deutschen ein, welche über Pegida nur den Kopf schütteln kann, aber selber keinerlei Aufarbeitung benötigt. Ich habe mein Happyland systematisch aufrecht erhalten.

Noch etwas ist für Bewohner*innen von Happyland wichtig. Sie möchten als Individuen wahrgenommen werden. Die eigene Hautfarbe spielt für sie keine Rolle. Es ist eine Kategorie, die -ihrer Meinung nach- in ihrem Alltag und daher auch in ihrem Selbstbild keine Rolle spielt. Die Kategorie ‚Weißsein‘ scheint ihnen daher erst einmal sehr suspekt, und sie halten sie für eine abgedrehte Erfindung von fanatischen linksradikalen Hippies, die zu viel Zeit damit verbringen, anderen den Mund zu verbieten und überhaupt immer an allem herumzunörgeln müssen, obwohl diese Dinge doch eigentlich kein Problem sind.

Klingt doch eigentlich nach einem ganz netten Land, oder? Also zumindest für die Bewohner*innen.

(Ogette 2019: 22-23)

Happyland ist „von Weißen für Weiße geschaffen [worden], damit sie es dort gemütlich haben“ (Ogette 2019: 23). Als ich mich zum ersten Mal als weiße Person identifiziert habe, war das durchaus sehr unangenehm für mich, aber ich habe gelernt, dass man im Feld des rassismuskritischen Denkens und Handelns als weiße Person immer genau dann auf einem guten Weg ist, wenn es unangenehm für einen wird. Der erste Schritt, aus Happyland heraus zu kommen, ist also der, dass die eigene Definitionshoheit, welche man als weiße Person automatisch in Themen rund um Rassismus innehat, ganz bewusst wahrgenommen und abgelegt wird, indem neue Definitionen erlernt werden, welche von BIPOC erstellt wurden. Ein guter Anfang ist die Definition über Rassismus. Hierfür habe ich in dem Buch (K)Erben des Kolonialismus im Wissensarchiv deutsche Sprache die Definition von Noah Sow gefunden:

Um es an dieser Stelle mal kurz und prägnant zu sagen: Rassismus ist die Verknüpfung von Vorurteil mit institutioneller Macht. Entgegen der (bequemen) landläufigen Meinung ist für Rassismus eine ‚Abneigung‘ oder ‚Böswilligkeit‘ gegen Menschen oder Menschengruppen keine Voraussetzung.

Rassismus ist keine persönliche oder politische ‚Einstellung‘, sondern ein institutionalisiertes System, in dem soziale, wirtschaftliche, politische und kulturelle Beziehungen für -> weißen Alleinherrschaftserhalt wirken.

Rassismus ist ein globales Gruppenprivileg, das weiße Menschen und ihre Interessen konsequent bevorzugt.

(Sow in Arndt et al. 2011: 37)

Die Auswirkungen einer anderen Betrachtungsweise von Rassismus sind die, dass Rassismus unbenannt bleibt und weiter besteht. Die Definitionsmacht würde bei weißen Personen bleiben, welche zwischen ihrem eigenen Selbstverständnis und der Thematik Rassismus eine große emotionale und moralische Distanz schaffen. Damit würde Rassismus nicht das eigene Problem darstellen. Sofern es kein Problem gibt, gibt es auch keine Notwendigkeit einer Auseinandersetzung. Bestehende Machtstrukturen bleiben unsichtbar und gleichzeitig reproduzieren sie sich selber durch eine systematische Verschweigung und Blindheit gegenüber der eigenen Rolle als weiße Person in rassistischen Strukturen in Deutschland.

Tupoka Ogette hat in ihrem Buch ebenfalls die Perspektiven von weißen Student*innen thematisiert, welche während eines Semesters Bücher über ihre Gefühle schreiben sollten, nachdem sie in Anti-Rassismus-Trainings von Ogette teilgenommen haben. Folgender Auszug ist nach der Auseinandersetzung mit der Thematik Happyland entstanden:

Da ich hoffe, dass Sie eine ehrliche Meinung von uns bevorzugen, muss ich ihnen ‚leider‘ sagen, dass es nicht wirklich eine Denkveränderung gegeben hat. Ich bin mir auch nicht sicher, ob es je eine geben wird, da ich mit meinem Denken eigentlich ganz zufrieden bin.

(Ogette 2019: 24)

  • Ogette, Tupoka (2019): exit Racism. Rassismuskritisch Denken lernen, 4. Aufl., Münster: Unrast Verlag.
  • Sow, Noah (2011): Rassismus in Susan Arndt, Nadja Ofuatey-Alazard (Hrsg.), Wie Rassismus aus Wörtern spricht – (K)Erben des Kolonialismus im Wissensarchiv deutsche Sprache, Münster: Unrast Verlag, S. 37.

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