HerAbout: Gedenken an die Opfer des NSU-Terrors

  • Enver Şimşek
  • Abdurrahim Özüdoğru
  • Süleyman Taşköprü 
  • Habil Kiliç
  • Mehmet Turgut 
  • İsmail Yaşar
  • Theodoros Boulgarides
  • Mehmet Kubaşık
  • Halit Yozgat

Am 4. April 2006 wurde Mehmet Kubaşık, dreifacher Vater, in seinem Kiosk in der Dortmunder Nordstadt „regelrecht hingerichtet“. Halit Yozgat wurde am 6. April 2006 in einem gut besuchten Internetcafé ermordet. Er wurde 21 Jahre alt (Özdemir in Bozay et al. 2016: 10). Dieser Blogeintrag soll Mehmet Kubaşık, Halit Yozgat und den anderen Opfern des NSU-Komplex gedenken. Dafür wird der Beitrag von Karim Fereidooni: (Rassismusrelevante) Fehler im Zuge der „NSU“-Ermittlungen zum Ausgangspunkt für eine kritische Analyse der Ermittlungen gewählt.

Die Rassismusrelevanz der Ermittlungsfehler ergibt sich aus dem Umstand, dass viele Jahre lang, während der ‚NSU‘ ungestört gemordet hat, nicht die rechtsextreme Szene, sondern der Familien- und Freundeskreis der ‚NSU‘-Opfer, ausländische kriminelle Banden, ausländische politische Organisationen oder die internationale Drogen- und Schutzgeldmafia verdächtigt worden sind, die Taten begangen zu haben.

(Fereidooni in Bozay et al. 2016: 42)

Fereidooni beschreibt in seinem Beitrag die Täter-Opfer-Umkehrung, welche dazu führte, dass deutsche Täter*innen kategorisch ausgeschlossen wurden (Fereidooni in Bozay et al. 2016: 44). Der strukturelle als auch institutionelle Rassismus in Deutschland wurde durch folgende Formulierung in der Operativen Fallanalyse des LKA Baden-Württemberg deutlich:

Vor dem Hintergrund, dass die Tötung von Menschen in unserem Kulturraum mit einem hohen Tabu belegt ist, ist abzuleiten, dass der Täter hinsichtlich seines Verhaltenssystems weit außerhalb des hiesigen Normen- und Wertesystems verortet ist.

(Bericht des Landeskriminalamtes Baden-Württemberg 2007: 162 f.)

Dadurch „wurden die Morde ethnisiert und exterritorialisiert“ (Fereidooni in Bozay et al. 2016: 45), was zur Folge hat, dass Opfer zu Tätern werden und „Communities auf der Basis zugeschriebener, vermeintlich wesenhafter ‚rassischer‘ und/oder kultureller Unterschiede als ‚anders‘, ‚abweichend‘ und ‚unterlegen‘ konstruiert werden“ (Nghi Ha et al. 2016: 10). Das stattfindende „Othering“, also die Konstruktion einer vermeintlichen Norm, bei der „People of Color oder die Schwarze Person als Abweichung dargestellt [werden]“ (Ogette 2019: 59), ist maßgeblich für das Selbstverständnis von Deutschland und Europa. Fatima El-Tayeb analysiert diese Konflikte der Konstruktion einer deutschen Identität durch historische Kontexte und Erinnerungsdiskurse (El-Tayeb 2016: 31). So stellt sie fest:

Probleme, die mehr als deutlich wurden in der ein Jahrzehnt währenden rassistischen Mordserie der NSU und ebenso im öffentlichen und offiziellem Umgang mit ihr, von „Dönermord“-Schlagzeilen zu staatlicher Aktenvernichtung.

Rassistische Gewalt wird dennoch noch immer nicht als strukturelles deutsches – und europäisches – Problem ernst genommen, nicht als Terror(ismus) begriffen, sondern als Exzess randständiger Extremisten und gestörter Einzelgänger […] im Gegensatz etwa zu der Attacke auf das französische Satiremagazin Charlie Hebdo, die nahtlos in den diskursiven Rahmen des ‚islamistischen Terrorismus‘ passte.

Dieser Terrorismus wird sowohl als fundamentale Bedrohung Europas als auch als repräsentativ für den Islam an sich verstanden. Die ‚Je suis Charlie‘-Kampagne nach dem Attentat war als Zeichen der Solidarität gemeint, aber auch als Symbol der kollektiven Gefährdung des weißen Europas durch muslimischen Terror.

Umgekehrt fehlt jeder Ausdruck einer kollektiven europäischen Verantwortung für den rassistischen Terror gegen Migrant_innen und Europäer_innen of color […] Rassismus als strukturelles Problem, das sich nicht als individuelle Abweichung vom gemeinschaftlichen Konsens lokalisieren lässt, sondern die gesamte Gesellschaft durchzieht, so die Überzeugung, existiert vielleicht in den USA; aber sicher nicht in Deutschland.

(El-Tayeb 2016: 10-11)

Das Selbstbild Europas und Deutschlands ist also maßgeblich von dem sogenannten „Othering“ geprägt, welches einerseits die Norm festlegt und gleichzeitig jegliche „Abweichung“ bestimmt. Die daraus resultierende Täter-Opfer-Umkehr im NSU Komplex verhinderte nicht nur eine Feststellung des strukturellen und institutionellen Rassismus in Deutschland sondern schaffte gleichzeitig eine Distanz und Verzerrung der kollektiven Verantwortung resultierend aus Deutschlands Vergangenheit. Fereidooni zieht die Konsequenz aus den Ermittlungen im NSU-Komplex, dass rassismuskritisches Denken und Handeln elementar sind, besonders in öffentlichen Institutionen. Er stellt fest

Damit eine_e Polizist_in bzw. Verfassungsschützer_in für das sozialisierte, in Alltags- und Gesellschaftsstrukturen inhärente, rassistische Wissen sensibilisiert werden kann und zudem gesellschaftlich damit begonnen werden kann, dieses Wissen zu dekonstruieren, ist rassismuskritisches Wissen vonnöten.

(Fereidooni in Bozay et al. 2016: 46-47)

Während einerseits bestehendes vermeintlich ‚objektives‘ Wissen re-konzeptionalisiert werden muss, besteht gleichzeitig der Bedarf einer Erinnerungskultur, welche den postkolonialen Statuts Deutschlands ausbaut und rassistische Kontinuitäten zentralisiert. Hierfür müssen bestehende Narrative um Deutschland als auch Europa hinterfragt werden, um eine Konfrontation mit rassistischen Strukturen zu erreichen. Dabei steht gleichzeitig das starke Ungleichgewicht der Diskurshoheit im Mittelpunkt, welches die bestehende Wissensproduktion beispielsweise um Migration noch stark prägt. Hierfür stellt El-Tayeb folgendes Selbstbild Deutschlands fest:

Die Mehrheitsmeinung prägend ist noch immer das Bild eines traditionell kulturell vielfältigen, aber ethnisch und religös einheitlichen Deutschlands (und Europas), das durch die unerwarteten Konsequenzen der in den 1950ern einsetzenden Arbeitsmigration aus dem Gleichgewicht gebracht wurde und sich nun erstmals massiv mit einer Bevölkerung konfrontiert sieht, die fundamental (religös, kulturell, ‚rassisch‘) anders ist und deren Integrationsfähigkeit noch in Frage steht.

Dieses binäre Vorher-nachher-Modell Deutschlands ist aus verschiedenen Gründen eine inadäquate Beschreibung der Realität; mehr noch, es konstruiert eine Perspektive, die es unmöglich macht, die vorausgesetzte klare Trennung in deutsch und undeutsch zu überwinden. Abgesehen davon, dass die vermehrte Präsenz nicht traditionell Deutscher so fast zwangsläufig als Invasion erscheint – die Diskussion um Migrant_innen ist praktisch immer mit der Frage verbunden, ob es bereits ‚zu viele‘ seien- wird hier auch ein verzerrtes Bild der europäischen Vergangenheit gezeichnet.

[…] Stattdessen wird eine deutsche und europäische ‚Homogenität‘, die das Resultat nicht nur des nationalsozialistischen Völkermords an Jüd_innen und Rom_nja und Sint_ezze, sondern auch massiver ‚ethnischer Säuberungen‘ zwischen den Weltkriegen war, als quasi-natürlicher ‚Normalzustand‘ erinnert.

(El-Tayeb 2016: 94)

Somit ergibt sich die Notwendigkeit eines Perspektivenwechsels, welcher eine Re-konzeptionalisierung bestehenden Wissens durch eine Diskurshoheit von BIPOC voraussetzt. Ein Anfang hierfür ist das Buch „Die haben gedacht, wir waren das. MigrantInnen über rechten Terror und Rassismus“ von Kemal Bozay, Bahar Aslan, Orhan Mangitay und Funda Özfirat. Hierbei wird die Sichtweise der Betroffenen zentralisiert, um die Auswirkungen des NSU-Terrors zu thematisieren. Durch dieses Buch habe ich sehr viel mehr über die zugrunde liegenden Strukturen rassistischer Gewalt gelernt als durch jeden Zeitungsartikel, jede Zusammenfassung und jede Reportage über den NSU-Komplex, deren Wissensproduktion innerhalb der ‚landläufigen Weißen Kontexte‘ (Nghi Ha, 2016: 10) stattgefunden hat.  

  • Bericht des Landeskriminalamtes Baden-Württemberg (2007) vgl. Deutscher Bundestag (2013): Beschlussempfehlung und Bericht des 2. Untersuchungsausschusses der Fraktion Die Linke.
  • El-Tayeb, Fatima (2016): Undeutsch. Die Konstruktion des Anderen in der postmigrantischen Gesellschaft, Bielefeld: Transcript Verlag.
  • Fereidooni, Karim (2016): (Rassismusrelevante) Fehler im Zuge der ‚NSU‘-Ermittlungen in: Kemal Bozay, Bahar Aslan, Orhan Mangitay, Funda Özfirat (Hrsg.), Die haben gedacht, wir waren das. MigrantInnen über rechten Terror und Rassismus, Köln: PapyRossa Verlags GmbH & Co. KG, S. 41-54.
  • Nghi Ha, Kien, Nicola Lauré al-Samarai und Sheila Mysorekar (2016): Einleitung in: Kien Nghi Ha, Nicola Lauré al-Samarai, Sheila Mysorekar (Hrsg.), re/visionen. Postkoloniale Perspektiven von People of Color auf Rassismus, Kulturpolitik und Widerstand in Deutschland, 2. Aufl., Münster: Unrast Verlag, S. 9 – 24.
  • Ogette, Tupoka (2019): exit Racism. Rassismuskritisch Denken lernen, 4. Aufl., Münster: Unrast Verlag.
  • Özdemir, Cem (2016): Vorwort in Kemal Bozay, Bahar Aslan, Orhan Mangitay, Funda Özfirat (Hrsg.), Die haben gedacht, wir waren das. MigrantInnen über rechten Terror und Rassismus, Köln: PapyRossa Verlags GmbH & Co. KG, S. 9-15.
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