HerAbout: Perspektivenwechsel

Das bedeutet, dass bestimmte Personen und Communities auf der Basis zugeschriebener, vermeintlich wesenhafter ‚rassischer‘ und/oder kultureller Unterschiede als ‚anders‘, ‚abweichend‘ und ‚unterlegen‘ konstruiert werden. Erst durch Ausschlüsse und Diskriminierungen erscheinen sie als ‚Minderheiten‘.

Da ein positiv besetztes Weißes Selbst als gegenüberliegendes und im Grunde unerreichbares ‚Maß der Dinge‘ fungiert, geraten Blick- und Sprechverhältnisse zu einem Werte behafteten, einseitigen Monolog: Die Weiße Norm spricht, beurteilt und bleibt in diesem machtvollen Prozess unsichtbar; die ‚Anderen‘ werden besprochen, analysiert und abgewertet und so zu vermeintlich stummen, gesichtslosen ‚Objekten‘.

Was in landläufigen Weißen Kontexten über die ‚Welt‘ und diese ‚Anderen‘ – seien sie fern oder nah, seien sie vergangen oder gegenwärtig – ‚gewusst‘ wird, ist folglich kein unschuldiges, ‚objektives‘ oder gar universell gültiges Wissen, sondern immer eingebettet in komplexe, räumlich und zeitlich gebundene Prozesse einer rassifizierten Machtausübung.

(Nghi Ha et al. 2016: 10)

Als weiße Frau musste ich mir bis dato nie Gedanken machen über meine unzähligen Privilegien, mein Nichtwissen und ganz besonders mein vermeintliches Wissen über Menschenrechte und Systeme von Ungleichheit. Es fällt mir daher schwer, die richtigen Worte zu wählen ohne meine Rolle in dem angesprochenen Thema zu vergessen oder gar das Wissen über das Thema zu vereinnahmen. Jedoch ist es meine Verantwortung, über Rassismus und meine Rolle darin zu lernen und andere weiße Personen in Deutschland anzuhalten, dasselbe zu tun.

Diesen Prozess des Perspektivenwechsels soll HerAbout dokumentieren, indem auf Arbeiten und Bücher von BIPOC in Deutschland eingegangen wird. So soll kein Wissen von mir produziert werden, sondern ich möchte mein Wissen durch die vorgestellten Resourcen umdenken und re-konzeptualisieren. Dabei ist die eigene Positionierung als weiße Frau elementar, denn nur so können bestehende Herrschaftsverhätnisse sichtbar gemacht werden. Diese Sichtbarkeit ist notwendig, zumal „[…] das Schweigen in der deutschen Kultur und Erziehung felsenfest verankert ist“ (Kelly, 2018: 49).

HerAbout entstand und entsteht in einem langwierigen Prozess des Ent-lernens bestehender Wissensbestände. Es begann mit der Konfrontation der unmittelbaren Auswirkung meines Nichtwissens und dem überheblichen sowie rassistischen Gedanken, dass Rassismus nicht das eigene Problem darstelle, sondern viel eher nur am äußerst rechten Rand der deutschen Gesellschaft auffindbar sei. Die Definition von Rassismus als gesellschaftliches und institutionelles System (Sow, 2018: 85 ff.) kam erst im Laufe meines Ent-lernens, was zur Folge hatte, dass ich meine Rolle sowie Verantwortung in diesem System grundlegend überdenken musste.

Die Prozesse der Wissensbildung, welche stets einer ‚rassifizierten Machtausübung‘ unterliegen (Nghi Ha, 2016: 10), müssen somit reflektiert und dokumentiert werden, um Wissen erfolgreich zu re-konzeptualisieren. Diesen Prozess markierte unter anderem meine bewusste Entscheidung, ganz gezielt nur noch Literatur von BIPOC über Rassismus zu lesen. Gleichlaufend folgte ich nur noch BIPOC Aktivisten auf Instagram, welche zu den Themen Feminismus, Anti-Rassismus und Politik regelmäßig Stellung beziehen. Dieser Perpektivenwechsel erlaubte es mir, meine Rolle als weiße Frau ständig zu reflektieren und neu zu denken. Der Kontext, indem dieses Wissen – bereitgestellt durch zahlreiche BIPOC im Netz oder in Büchern – entstand, ist und bleibt der der rassistischen Verletzungen, die mit meinen Privilegien einhergehen. Dazu schrieb die weiße Studentin Juliane Strohschein:

Wissen über Weißsein ist kein Wissen, das ich mir einfach so aneignen kann. Es steht immer in einem bestimmten Kontext – z.B. wenn ich von rassistischen Verletzungen, die ich ausübe und von der Reflektiertheit rassistisch Diskriminierter lerne. Bell hooks schreibt vom Wissen über Weißsein, das als überlebensnotwendige Technik entstand, um den Alltag angesichts rassistischer Repressionen und Gewalt von Weißen bewältigen zu können […].

Juliane Strohschein in „Mythen, Masken und Subjekte – Kritische Weißseinsforschung in Deutschland“ (2017: 507)

Was bedeutet es also, wenn ich als weiße Frau über Rassismus lerne? Der Kontext der spezifischen Wissensentstehung ist der der gewaltvollen Erfahrung, welche BIPOC tagtäglich in unterschiedlichen Bereichen aufgrund von meinem weißen Privileg erfahren. Ich kann und darf diesen Zusammenhang nicht vergessen, so ist es doch meine Verantwortung, reale Veränderungen durch meine unverdienten Privilegien zu unterstützen, welche Perspektivenwechsel und ‚Wissensre_produktionsprozesse‘ (Kelly, 2018: 14) beinhalten, die eben nicht den ‚landläufigen Weißen Kontexten‘ (Nghi Ha, 2016: 10) entsprechen.

  • Kelly, Natasha A. (2018): Afrokultur. Der Raum zwischen Gestern und Morgen, 2. Aufl., Münster: Unrast Verlag.
  • Nghi Ha, Kien, Nicola Lauré al-Samarai und Sheila Mysorekar (2016): Einleitung in: Kien Nghi Ha, Nicola Lauré al-Samarai, Sheila Mysorekar (Hrsg.), re/visionen. Postkoloniale Perspektiven von People of Color auf Rassismus, Kulturpolitik und Widerstand in Deutschland, 2. Aufl., Münster: Unrast Verlag, S. 9 – 24.
  • Sow, Noah (2018): Deutschland Schwarz Weiß. Der alltägliche Rassismus, Norderstedt: BoD-Books on Demand.
  • Strohschein, Juliane (2017): Als weiße Studentin in einer weißen Universität, in Maureen Maisha Eggers, Grada Kilomba, Peggy Piesche und Susan Arndt (Hrsg.), Mythen, Masken und Subjekte. Kritische Weißseinsforschung in Deutschland, 3. Aufl., Münster: Unrast Verlag, S. 506 – 514.

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